
Geschichte wiederholt sich eben doch: Noch vor fünf Jahren wurde in gängigen Foren diskutiert, ob ein Mercedes W220 denn jemals im Wert steigen würden. Die Preise lagen mehrheitlich deutlich unter 10.000 Euro; viele betonten, dass es diese Fahrzeuge wie Sand am Meer gebe. (Hier ist ein solches Beispiel aus dem Jahr 2017.)
Heute ist das schon anders: Aus meiner Sicht erhärtet sich der Eindruck, dass wir beim W220 den Wendepunkt erreicht haben. Warum das so ist, erläutere ich Euch in diesem Beitrag.
Gebaut wurde die S-Klasse W220 von 1998 bis 2005. In den späten 2010er Jahren wurde sie mit teils drastischem Wertverlust vor allem als günstiger, komfortabler Gebrauchtwagen wahrgenommen. (Dieses Verständnis fand oft ein Ende aufgrund hoher Wartungskosten.) Inzwischen erlebe ich immer mehr Anzeichen dafür, dass sich der W220 zum Klassiker entwickelt. Besonders spannend finde ich, dass gute Fahrzeuge (auch aus erster Hand) heute noch relativ leicht zu finden sind, ganz anders als bei seinem Vorgänger W140 – gleichzeitig beginnt sich der Markt bereits zu drehen, die Preise ziehen an.

Das Interesse wächst: Zwei Titelseiten des Youngtimer-Magazins alleine im Jahr 2025 mit dem Coupé C215
Noch vor zehn Jahren war vom Mercedes W220 in der Youngtimer-Szene kaum die Rede. Das hat sich mittlerweile grundlegend geändert. Ich lese mittlerweile zunehmend häufiger von seiner eleganten, klassischen Erscheinung und von den großen Innovationen, die die Baureihe W220 mitbrachte, sowie von zunehmendem Liebhaber-Interesse.
Das schließt natürlich auch das zum W220 zugehörige Coupé mit der Modellbezeichnung C215 ein. Vieles spricht dafür, dass die Coupés tendenziell etwas früher den „Klassiker-Status“ bekommen. Das ist beim C215 gut sichtbar: Alleine im Jahr 2025 war der C215 zwei Mal Teil der Titelstory im Youngtimer-Magazin – nicht schlecht dafür, dass im ganzen Jahr nur ganze acht Ausgaben erscheinen! 😊


Sowohl im April/Mai 2025 als auch im Oktober/November 2025 zierte ein C215 die Titelseite des Magazins. Und ich stimme zu: Ich kann dem Coupé durchaus einen besonderen Reiz abgewinnen.

Ich würde den Blick auf die Marktlage heute aber gerne ganz kurz unterbrechen mit einer kleinen Zeitreise in das Jahr 1998. Wie war das damals, als der W220 der Weltöffentlichkeit vorgestellt wurde?
Der W220 war ein großer Schritt, wie ein Blick in die Presse von 1998 zeigt: „Plötzlich sieht der W140 alt aus“
Als der W220 1998 vorgestellt wurde, trat er die Nachfolge des imposanten Mercedes-Benz W140 an. Mercedes ging damals bewusst einen neuen Weg. Die neue S-Klasse sollte eleganter, leichter und effizienter werden und das auch ästhetisch transportieren. Und tatsächlich war der Wagen stolze 300 Kilogramm leichter als sein Vorgänger W140 und deutlich aerodynamischer. Der cw-Wert lag bei etwa 0,27, was für eine Luxuslimousine dieser Größe ein sehr guter Wert war. (Der W140 lag bei 0,31.)
Produziert wurde der W220 im Werk Sindelfingen. Insgesamt entstanden über 480.000 Fahrzeuge.

Technisch brachte der Wagen 1998 viele beeindruckende und im Rückblick wegweisende Innovationen:
- AIRMATIC-Luftfederung (serienmäßige, niveauregulierende Luftfederung mit Luftpolstern und einem statischen Druck von 10 bar)
- ABC (Active Body Control) = Alternative zur AIRMATIC, gegen Aufpreis verfügbar sowie serienmäßig für die Coupés, den S600 und die AMG-Modelle (Fahrwerk mit konventionellen Federn und elektronisch gesteuerten, hydraulischen Dämpfern)
- Radarbasierter Abstandsregeltempomat Distronic (weltweit erstes radargestütztes adaptives Abstandsregelsystem in einem Serienfahrzeug)
- Linguatronic zur Sprachsteuerung des Telefons (man konnte hier per Sprache die Telefonnummer diktieren)
- Infotainmentsystem COMAND (das stand für Cockpit Management und Data System und wurde auf einem rund 12 cm großen Bildschirm angezeigt)
- Keyless-Go (man konnte die Chipkarte in der Tasche lassen und das Fahrzeug über die Berührung des Türgriffs auf- und zuschließen)
- Dynamische Multikonturlehne (bei der eine pulsierende Luftkammer in der Rückenlehne die Bandscheibe massierte)
- Aktive Sitzbelüftung (erhältlich sowohl für die Sitze vorne als auch im Fond)
- Bi-Xenon-Scheinwerfer (optional erhältlich)
Kurzum: Bei der Einführung des W220 war es (anders als heute) noch so, dass die Fachwelt staunte, was es in einer S-Klasse wieder alles an wegweisenden Innovationen gab!

Ein Blick in die damalige AutoBild zeigt, das die Begeisterung über den Fortschritt gegenüber dem W140 groß war. „Das neue Flaggschiff des größten deutschen Autokonzerns wirkt um Lichtjahre jünger, dynamischer, agiler und eleganter. Kaum zu glauben, dass beide von einem Stern kommen“, so AutoBild in der Ausgabe 41/1998.

Neben den vielen technischen Innovationen waren die Tester vor allem davon begeistert, wie viel sportlicher und handlicher als der Vorgänger sich der W220 fahren ließ. Der W220 grenzte sich vom W140 erfolgreich als „Handlingwunder“ ab, auch dank Airmatic bzw. Active Body Control.
Der W220 wurde im Vergleich zum W140 aber auch tatsächlich kompakter, leichter und filigraner gestaltet. Mit seinen Abmaßen (bis zu 5,21 m Länge, 1,89 m Breite) ist der W220 um ca. 5–7 cm kürzer und schmaler als sein Vorgänger, bot innen jedoch ein ähnlich luftiges Raumgefühl.

Auch der Eindruck im Innenraum hatte sich mit dem W220 völlig verändert; nachdem BMW mit dem E38 vorgelegt hatte, bestimmt nun auch in der S-Klasse die Elektronik in viel größerem Maße das Geschehen. Das Cockpit wurde bewusst futuristisch gestaltet, um den Innovationssprung zu unterstreichen.

Mercedes stand bei der Entwicklung des W220 durchaus unter Druck, hinsichtlich Image, Optik und Agilität einen großen Schritt zu machen. Der Marktanteil der S-Klasse in der Oberklasse war von 1993 bis 1997 deutlich zurückgegangen, von 43% auf 29%. Das lag zu einem Teil an der polarisierenden Optik des W140, zu einem anderen Teil aber auch an großen Investitionen des Wettbewerbs – vor allem bei BMW mit dem E38 und bei Audi mit dem neuen A8.

Bei der Markteinführung des W220 gab es allerdings erstmal nur drei Motorvarianten – den S320 als Sechszylinder sowie den S430 und den S500 mit Achtzylinder. Später kamen noch zwei Turbodiesel (sogar einer mit V8) und der V12.

Interessant ist vor allem, dass der Zwölfzylinder erst mit einem Jahr Verspätung Einzug hielt, weil der W220 zunächst ohne Zwölfzylinder geplant und die Entscheidung zugunsten des V12 erst spät im Entwicklungsprozess gefallen war. (Ein wesentlicher Einflussfaktor dürfte BMW gewesen sein, deren neuer 750i der Baureihe E38 einen leistungsgesteigerten V12 an Bord hatte.) Der M120 aus dem S600 des W140 passte aber nicht mehr in den schlankeren Vorderwagen; der Motorraum im W220 war konstruktiv auf die Abmessungen des Achtzylinders M113 abgestimmt.

So wurde mit dem M137 ein neuer V12-Antrieb entwickelt, der nicht nur kleiner, sondern mit 220 kg auch um stolze 80 kg leichter wurde als der M120. Der M137 ist als Dreiventiler und mit nur einer Nockenwelle pro Bank etwas einfacher aufgebaut als sein Vorgänger M120, der vier Ventile pro Brennraum und zwei Nockenwellen je Zylinderbank besitzt. Die prestigeträchtige Benennung als S600 ist ihm auch erhalten geblieben, obwohl er gar kein 600er mehr ist, denn der neue V12 hat einen Hubraum von 5,8 Litern. Er ist auch nicht mehr ganz so kräftig wie der alte Zwölfzylinder, der es auf 394 PS brachte. Er leistet 367 PS, was aber angesichts des um über 200 Kilogramm reduzierten Gewichts keine Rolle spielte.
Stand 2026: Die Preise des W220 steigen, sind aber noch viel günstiger als beim Vorgänger 💸
Auch wenn die Preise bereits steigen, ist der W220 im Moment noch der preisgünstigste Einstieg in eine Mercedes S-Klasse. Das gegenwärtige Angebot am Markt spiegelt aus meiner Sicht noch viele Chancen, weil der Schritt zum Klassiker noch bevorsteht.

Es gibt vor allem noch viele Fahrzeuge in sehr schönem Zustand, nicht selten auch aus erster Hand, zu Preisen, an die man beim Vorgänger W140 heute nicht mehr denken würde. Hier sind fünf aktuelle Angebote mit Acht- und Sechszylindermotor, die im Inserat einen sehr gepflegten Eindruck machen, deren Laufleistungen vergleichsweise niedrig sind, und deren Preise noch im überschaubaren Bereich zwischen 8.000 und 15.000 Euro liegen.
Noch gibt es solche Autos auf dem Markt: Ein S500 aus erster Hand in azuritblau met. für 8.000 Euro Verhandlungsbasis – im Inserat macht das Fahrzeug einen sehr gepflegten Eindruck.


Auch interessant: Ein S500 im klassischen blauschwarz met. mit nur 114.000 km Laufleistung wird hier für 9.900 Euro angeboten.


Wer das Coupé sucht, stößt derzeit noch auf Angebote wie dieses: Mercedes CL500 mit Topausstattung und knapp 170.000 km Laufleistung für 11.500 Euro.


Etwas teurer und exklusiver, aber immer noch deutlich unter einem vergleichbaren W140: Ein gepflegter S500 mit langem Radstand, 4-Matic und Mopf2 für knapp 15.000 Euro.

Autos mit geringeren Laufleistungen steigen bereits in ihren Preisen empfindlich an: Hier ist ein offenbar sehr gepflegter S 320 mit nur rund 70.000 Kilometern, der für 15.000 Euro angeboten wird. Auch das ist im Vergleich zum W140 günstig, aber bereits über Durchschnitt für den W220.

Ich biete gerne Wetten an: In fünf Jahren bekommt man solche Autos nicht mehr zu diesen Preisen! 😉
5️⃣ Gründe, warum der W220 heute noch unterschätzt wird
Welche Gründe gibt es also, warum der W220 nicht längst im Preis angezogen ist? Hier sind meine persönlichen Top 5:
1. Der übermächtige Vorgänger
Der legendäre Vorgänger W140 prägt das Bild der klassischen S-Klasse und steht bis heute im Fokus der Youngtimer-Szene.
2. Frühe Qualitätsdebatten
Diskussionen über Rostschutz und Elektronikprobleme haben das Image lange belastet.
3. Lange Zeit hoher Wertverlust
Der starke Wertverlust ließ den W220 viele Jahre wie einen gewöhnlichen Gebrauchtwagen erscheinen.
4. Hohe Unterhaltskosten schrecken Käufer ab
Die komplexe Technik wie Luftfederung und Elektronik kann teuer werden – ich habe unten mal ein entsprechendes YouTube-Video verlinkt.
5. Der Youngtimer-Status ist noch relativ neu
Viele Fahrzeuge erreichen erst jetzt das Alter, in dem Sammler aufmerksam werden – generell halten die Modelle der 2000er Jahre erst jetzt Einzug in die Klassiker-Szene
Der Mercedes W220 eignet sich nicht für einen Spontankauf ⚠️
Trotz aller reizvollen Angebote – man sollte einen W220 nicht „mal eben“ zu einem günstigen Preis kaufen, um für ein paar Tausend Euro S-Klasse zu fahren. Viele W220-Liebhaber haben viel Geld und Zeit in ihre S-Klasse investieren müssen – meistens wegen Rost-, Elektronik- und Fahrwerksthemen.
Wer den W220 nicht kennt, sollte sich anhand einer kompetenten Kaufberatung mit seinen Eigenarten vertraut machen. Wenn man entsprechende Ratgeber oder Beiträge in einschlägigen Foren studiert, stößt man immer wieder auf Themen wie diese:
Rost an der Karosserie (vor allem vor der Modellpflege 2003)
- Rost an Türen, Radläufen und Kofferraumdeckel prüfen
- Unterboden und Federaufnahmen kontrollieren
Motor
- Reparaturen werden beim Zwölfzylinder und den AMG-Motoren schnell fünfstellig
Fahrwerk
- Funktion der AIRMATIC-Luftfederung (oder der Active Body Control) testen
- Fahrzeug sollte nach dem Abstellen nicht absinken!
Elektronik
- COMAND-System und Komfortfunktionen prüfen
- Fehlermeldungen im Bordcomputer beachten
- Idealerweise OBDII-Diagnose vor dem Kauf auslesen lassen
Servicehistorie
- Vollständiges Serviceheft – die komplexe Technik braucht regelmäßige Wartungen
- Nachweise über Wartungen und Reparaturen sollten vorhanden sein
Originalität
- Originale Innenausstattung, Lackierung, Felgen etc. erhöhen den Sammlerwert – nachträgliche Modifikationen bis hin zum Tuning reduzieren ihn hingegen!
- Die Laufleistung sollte unbedingt mit dokumentierter Historie plausibel belegt sein, der Pflegezustand muss dazu passen (Das Auto hat einen digitalen Tacho, der nicht schwer zu drehen ist ⚠️)

Tatsächlich gibt es bei YouTube eine Menge an Erfahrungsberichten, die mal ganz begeistert sind und mal von großen Problemen berichten. Das Fazit kann also nur lauten, einen W220 beim Kauf kritisch im Hinblick auf die bekannten Schwachstellen zu prüfen – genau wie andere Luxuslimousinen aus der Zeit auch.
Mein Fazit 💌
Für mich ist der Fall klar: Der W220 hat die Schwelle vom günstigen Gebrauchtwagen zum Klassiker gerade überschritten. Die Baureihe verbindet wegweisende Innovationen der 2000er Jahre mit klassischer Mercedes-Eleganz und markiert eine spannende Phase in der Entwicklung der S-Klasse.
Die Preise haben bereits begonnen, zu steigen. Gleichzeitig gibt es aber noch eine (erstaunlich gute) Auswahl an gepflegten Fahrzeugen, oft auch aus erster Hand! Wer heute einen guten W220 findet, fährt deshalb nicht nur eine schöne S-Klasse, sondern vermutlich bald einen echten Klassiker. Der W140 hat vor einigen Jahren genau diesen Wandel vollzogen. 🚘
Übrigens: Bei meiner Recherche zum W220 hat mich seine Varianten-, Farb- und Konfigurationsvielfalt so begeistert, dass ich dazu in den nächsten Tagen noch einen Beitrag anschließen werde – ich muss für mich die Frage klären, welcher W220 meine Traumkonfiguration darstellt, und es so einen vielleicht sogar am Markt gibt 😊
Wer von Euch hat denn Erfahrungen mit dem W220 gesammelt? Ich freue mich wie immer über Rückmeldungen in den Kommentaren unter dem Beitrag! 📝



Das kann ich nur bestätigen!
Habe mir 2022 einen V220 S600 Bj.2004 aus 1.Hand gekauft. Für mich repräsentiert diese Motorvariante in Kombination mit der gehobenen Ausstattung die feinste Art diese Baureihe zu bewegen.
Hallo, ich konnte 2019 einem silbernen 1999er S320 aus zweiter Hand mit 83,000 Km und schwarzer Stoffausstattung nicht widerstehen. Die Ausstattung ist vollständig und durch die geschmeidigen Motoren und die Luftfederung wird ein phänomenales Fahrgefühl geboten. Den V6 mit 224 PS konnte ich problemlos unter 10 Litern/100 km fahren. Erste Rostbläschen an den Türunterkanten und immer wieder auftretende Defekte (Duoventil, pneumatische Heckdeckelverriegelung, undichte Benzinschläuche) konnten zwar allesamt in Eigenregie behoben werden, erschütterten aber etwas den Glauben in schwäbische Wertarbeit. Der Blick hinter die Kulissen offenbart hochkomplexe Technik; insbesondere die Elektronik des Vor-Mopf war damals noch nicht so ausgereift und ein Blick in die Foren offenbart bei der Luftfederung ein unüberschaubares Reparaturrisiko, das mir dann zu hoch war, weshalb ich den schönen Wagen nach einer Saison und 5.000 km wieder abgab.