
Wer meinen Blog eine Weile verfolgt, hat bereits von meiner Leidenschaft für den Siebener-BMW gelesen. Das trifft besonders auf die Modellreihe E38 zu. Man könnte argumentieren, dass sie sowohl von der Linienführung als auch qualitativ das darstellt, was man neudeutsch als „Peak-BMW“ bezeichnet. Die Linienführung ist äußerst harmonisch gelungen, im Inneren verspürt man auch heute noch mit jedem Schalterdruck ein beeindruckendes Qualitätsbestreben. Grund genug, sich einmal intensiver mit diesem Fahrzeug zu beschäftigen. Ich hatte die glückliche Chance, einen E38 eine Woche lang im Alltag zu bewegen, worüber ich hier gerne berichte.
Dieser BMW 730i von 1994 gehört einem guten Freund, der ihn mir im Tausch gegen meinen Mercedes R129 für eine Woche ausgeliehen hat. Er trägt die Farbe arktissilber metallic und innen schwarzes Leder Montana; sein Zustand ist auch heute noch beeindruckend nahe am Jahreswagen.
Erster Eindruck also: Ich freue mich total auf eine Woche in dieser todschicken BMW-Limousine! 😎

Nachdem der E38 die Nacht bei uns direkt vor der Haustür (unter dem Carport) verbracht hat, steht morgens um 7:30 Uhr die Fahrt ins Büro an. Nachdem inspirierende Morgenrituale in aller Munde sind, steure ich an dieser Stelle einmal die Startprozedur des E38 bei – so kann der Tag beginnen…
Mein Weg zum Büro beträgt in etwa 13 Kilometer, davon führen knapp 10 über die A52. Hier komme ich mit dem E38 früh morgens schnell in einen Wohlfühlmodus. Die Motor-Getriebe-Kombination ist sehr harmonisch, der Motor klingt angenehm sonor, kultiviert und zurückhaltend; mit einem tiefen, samtigen Grummeln im Leerlauf und einem kernigen, dezenten V8-Klang beim Beschleunigen in höhere Drehzahlbereiche. Der kleine 3-Liter-V8 ist natürlich kein Drehmomentmotor, sondern braucht etwas Drehzahl, um lebendig zu werden.

Am frühen Abend habe ich etwas Zeit, mich eingehender mit dem Innenraum des E38 zu beschäftigen. Zwei Eindrücke drängen sich auf: Der Innenraum in diesem 730i wirkt noch fast so neu wie in einem Jahreswagen, was ich bei einem 32 Jahre alten Fahrzeug echt beeindruckend finde. Auf den zweiten Blick wird sehr deutlich, wie hoch der Qualitätsanspruch der BMW-Ingenieure beim Entwicklungsschritt vom Vorgänger E32 zum E38 gewesen sein muss. Sowohl die Oberflächenqualität von Holz, Leder und Kunststoffen als auch die Haptik der Schalter und Oberflächen beeindrucken auch (oder gerade wieder?) nach heutigen Maßstäben noch. (Ich würde vermuten, dass hier der „Paukenschlag“ des Mercedes W140 eine große Motivationskraft für BMW entwickelt hatte…)
An dieser Stelle sollten wir mal auf den Motor zu sprechen kommen.Viele denken beim 730i an ein Einstiegsmodell mit Sechszylindermotor – das stimmt aber beim E38 (anders als noch beim E32) nicht!
Unter der Haube des 730i schlägt seit Präsentation des E38 im Jahr 1994 ein V8-Herz. Konkret arbeitet hier der 3,0-Liter-V8 der Motorenfamilie M60. Er leistete 218 PS und stellte 290 Nm Drehmoment bereit. Das war für das Einstiegsmodell einer Oberklasselimousine eine bemerkenswerte Motorisierung. In diesem Fahrzeug ist er mit der 5-Gang-Automatik ausgestattet, die brutto 4.050 DM extra kostete. (Serienmäßig gab es im 730i ein Schaltgetriebe, was in Kombination mit dem kleinen, drehfreudigen V8 sicherlich auch reizvoll ist, aber nur sehr selten geordert wurde).
Interessant ist der Blick auf die Modellgeschichte: Der 730i V8 blieb nicht lange das Einstiegsmodell. Schon im Herbst 1995 ergänzte BMW den 728i mit einem Reihensechszylinder.
Insgesamt war dem 730i mit dem M60-V8 kein langes Leben vergönnt. Er wurde nur von 1994 bis Anfang 1996 produziert. Im März 1996 stellte BMW die V8-Motorenpalette um: Aus dem 730i wurde der 735i mit 3,5 Litern Hubraum und 235 PS. (Der 740i blieb zwar beim Namen, erhielt aber ebenfalls einen neuen Motor mit 4,4 Litern Hubraum.)
Die Produktionszahlen unterstreichen die Besonderheit: Vom E38 730i entstanden laut veröffentlichten Baureihenstatistiken 20.213 Exemplare, dazu kamen 2.137 verlängerte 730iL.
Dieser spezielle 730i ist übrigens auch historisch ein interessantes Fahrzeug: Es handelt sich um einen sehr frühen E38, einen der ersten in Deutschland. Seine Erstzulassung erfolgte im Juni 1994; er wurde am Tag nach der Deutschland-Präsentation auf die Niederlassung Frankfurt als sog. Händlererstausstattung zugelassen.
ChatGPT ist auf Basis seiner VIN sogar der Meinung, dass es sich hier um den 662. BMW 730i handelt, der als E38 gebaut wurde. Vom 740i waren zu diesem Zeitpunkt bereits etwa doppelt soviel gebaut. Also ein ganz frühes Auto!
Und während ich über die Historie dieses spezifischen E38 sinniere, ziehen mich wieder seine Ästhetik und seine Qualität in den Bann. Hier sind ein paar Schnappschüsse, die hoffentlich ein Stück der ästhetischen Faszination des E38 transportieren können…










Geschenkt gab es alles das 1994 nicht: Alleine die Komfortsitze mit der Innovation einer elektrischen Lehnenkopfverstellung kosteten damals 4.200 DM Aufpreis.
Insgesamt verkörpert der Innenraum des E38 eine Qualität, die mich sowohl im Vergleich mit gleichalten Wettbewerbsmodellen als auch mit modernen Limousinen beeindruckt: Das toll verarbeitete Leder Montana (das 1994 immerhin 3.700 DM kostete), die Edelholzausführung in Nußbaumwurzel (650 DM), das auch heute noch satt glänzt, hochwertig gepolsterte Oberflächen und Schalter mit einer präzisen, satten Haptik – alles das zeugt vom kompromisslosen Anspruch an Materialauswahl und Verarbeitung, den BMW beim E38 offensichtlich sehr klar in den Vordergrund gestellt hat. Im Vergleich zum Vorgänger E32 (dessen Qualität auch bei weitem nicht schlecht war) war das ein riesiger Sprung. Jedes Detail vermittelt Solidität und Beständigkeit, von den passgenauen Bauteilen bis zum gedämpften Klicken der Bedienelemente!

Mir gefallen im Innenraum optisch und haptisch vor allem zwei Dinge hervorragend: Da ist zum einen der Wählhebel der Automatik, der mit seinem massiven Wurzelnussholz satt in der Hand liegt, und bei jedem Einlegen der Fahrstufen auch heute noch den Qualitätsanspruch des E38 vermittelt.
Zum anderen ist da das Kombiinstrument des E38, das mich bei jeder Fahrt begeistert. Es weckt bei mir Erinnerungen an meine frühen BMW und gefällt mir mit der dezenten Weiterentwicklung sehr gut. Und – vor allem finde ich die BMW-typisch orange leuchtende Durchlichttechnik einfach nur cool.
Ist es bei aller Liebe zum Fortschritt nicht schade, dass diese Zeiten in modernen BMW mit ihren Display-Tachos unwiderruflich vorüber sind?

Ich bin grundsätzlich ein Fan von Schiebedächern und freue mich, dass auch dieser E38 damit ausgerüstet ist. Im Jahr 1994 hat es laut BMW-Preisliste immerhin einen Aufpreis von 2.050 DM bedeutet!
Wirklich gut gefallen hat mir – für ein mehr als 30 Jahre altes Auto – der Klang des Soundsystems, das sich aus meiner Sicht positiv vom Soundsystem in meinem Jaguar X308 absetzt. Ich bin allerdings nicht sicher, ob es sich hier bereits um die Sonderausstattung mit dem BMW „HiFi-Aktiv-Lautsprechersystem“ für 950 DM handelt.
Eine edle Sonderausstattung ist auch das elektrische Heckrolle, das im Jahr 1994 schon ziemlich cool angemutet haben muss. (In meinem 1999er Jaguar Daimler Super V8 musste man das Heckrolle noch manuell bedienen.)
Alles in allem genieße ich die Tage im E38 sehr. Am meisten erfreue ich mich an seiner äußeren Linienführung und am Fahrgefühl eines BMW der 1990er Jahre – vom Fahrwerk bis zur Anmutung im fahrerorientierten Cockpit.

Meine Begeisterung hat sich auch auf die Kinder übertragen. Sie sind gerne mitgefahren und haben sich im Fond sehr wohl gefühlt.

Last not least entsteht in meiner Tiefgarage noch der Eindruck, dass sich der E38 doch irgendwie hervorragend neben meinem Jaguar X308 machen würde (wobei genau das Markus aus Österreich in seinem Beitrag auf dieser Seite schon 2024 festgestellt hatte).
Beide Modelle wurden zeitparallel gebaut, verfolgen beide irgendwie das Motto einer „fahraktiven Luxuslimousine“, und sind doch ganz unterschiedlich geraten. (Ich verschweige auch nicht, dass der E38 zwar vier Jahre früher auf den Markt gekommen, aber nichtsdestotrotz das moderne Fahrzeug ist.)

Die Woche im 730i war klasse, der E38 hat mich in seinen Bann gezogen. Dazu haben vor allem das BMW-typische Fahrverhalten, die Linienführung seines Chassis und der Qualitätsanspruch des E38 beigetragen. (Man könnte aus meiner Sicht gut argumentieren, dass das hier „Peak-BMW“ war!)
Mein Fazit fällt deshalb eindeutig aus: Daumen hoch, der E38 ist ein super-reizvoller Youngtimer auf dem Weg zum Klassiker 👍
Ich hatte dementsprechend viel Freude an meiner Woche im 730i – ein großes Dankeschön an Henning für den temporären Tausch! 🙏

Um seine besondere qualitative Anmutung genießen zu können, würde ich mir auf jeden Fall ein Modell in einem dementsprechend guten Pflegezustand suchen; der 730i V8 ist reizvoll, wobei ein 740i bei niedrigen Drehzahlen noch kraftvoller anschieben könnte. (Noch reizvoller wäre der Zwölfzylinder 750i, der aber nochmal ein Preispremium mit sich bringt.)
In den Tagen danach habe ich die eine oder andere Stunde in den gängigen Portalen zugebracht und E38-Inserate studiert. Erster Eindruck: Es sind gar nicht mehr so viele Fahrzeuge, die noch im Top-Zustand angeboten werden. Wenn es dann noch eine niedrige Laufleistung sein soll, wird das Angebot deutlich kleiner. Dann wäre es noch schön, wenn es doch ein 740i wäre; ein wenig mehr Schub bei niedrigen Drehzahlen würde Spaß machen. Mit dieser Kombi sind wir aber heute im Bereich von 20.000 Euro angekommen…


Und so beschließe ich diesen Beitrag mit dem Bauchgefühl, dass eines Tages einmal ein E38 in meiner Garage stehen könnte 😉
Wie sind Eure Eindrücke vom E38? Welche Erfahrungen habt Ihr mit dem E38 machen können? Ich freue mich wie immer über Rückmeldungen per Email oder in den Kommentaren unter dem Beitrag!

