
An der Spitze der Audi-Modellpalette kam im Frühjahr 1989 Bewegung auf. Der Audi V8 war im Herbst 1988 noch ganz frisch am Markt, da legte Audi beim 200 nach: Der Audi 200 quattro 20V wurde präsentiert! Die Audi-Logik stelle ich mir in etwa wie folgt vor: Wer den Audi V8 kaufte, wollte nicht unbedingt S-Klasse fahren, aber trotzdem sichergehen, dass er ganz oben angekommen war – im Top-Modell mit V8-Motor und Allradantrieb für den Skiurlaub. Der Käufer eines Audi 200 quattro 20V hingegen war eher der Typ Ingenieur mit fahraktiven Ambitionen: Als Limousine schick genug fürs Vorstandstreffen, aber immer bereit, bei Regen auf der Autobahnauffahrt zu beweisen, dass quattro und 20 Ventile keine Marketingfloskeln sind, sondern praktisch wirken 😊

Bis zur Einführung des V8 war der Audi 200 das Topmodell des Unternehmen, angetrieben durch einen leistungsstarken Fünfzylinder-Motor. Im Herbst 1988 begann die Produktion des Audi V8, der ein neu entwickeltes Achtzylinder-Aggregat besaß, das aus VW-GTI-16V-Vierzylinderbänken abgeleitet war. Der V8 wurde mit einer hochwertigen Serienausstattung angeboten, die unter anderem mit Ledersitzen, Klimaautomatik und Automatikgetriebe glänzte. Sein Kostenpunkt: 96.800 DM im Frühjahr 1989.
Heute ist der Audi V8 3.6 ein faszinierender Youngtimer, dem man leider nicht mehr häufig begegnet. Wer sich für ihn interessiert: In diesem Beitrag auf mein-youngtimer.com hatte ich die Freude, ein besonders schönes Exemplar zu fahren und detaillierter vorzustellen.

Obwohl der Audi V8 3.6 nun die neue Spitze darstellte, legte Audi beim 200 Typ 44 nach. Auf dem Genfer Salon stellte Audi im Frühjahr 1989 den Audi 200 quattro 20V vor. Angetrieben wurde er von einem turbogeladenen 2,2-Liter-Fünfzylindermotor mit vier Ventilen pro Zylinder, der auf dem Motor des Audi Quattro basiert und 220 PS leistete. Der 200 quattro 20V profitierte sogar vom V8, denn er bekam als einziger 200 Typ 44 dessen Fahrwerk.
Ein langes Leben war ihm jedoch nicht vergönnt, denn er wurde nur bis Ende 1990 produziert. In der kurzen Zeit entstanden von der Limousine insgesamt 4.767 und vom Avant 1.616 Fahrzeuge. Heute existieren leider nur noch sehr wenige originale Fahrzeuge.

Der Audi 200 quattro 20V war auch als Limousine eindeutig sportlich ausgelegt. Er wurde nur mit Schaltgetriebe ausgeliefert und galt kurzzeitig als schnellste Serienlimousine der Welt. Die Frankfurter Allgemeine Zeitung formulierte es in ihrer Ausgabe vom 5. Dezember 1989 auf Seite T3 so:
Man muß schon ganz weit oben in der Auto-Rangliste suchen, um eine ähnlich eindrucksvoll motorisierte Limousine zu finden: 246 km/h Höchstgeschwindigkeit und 7,5 Sekunden von 0 auf 100 km/h sind Werte, die nur von den teuersten BMW und Mercedes erreicht, aber kaum überboten werden können.

Auch der Grundpreis des Audi 200 quattro 20V rangiert mit 74.500 DM in beachtlicher Höhe, aber in deutlichem Abstand zum V8. Rechnet man diesem Preis die beim V8 serienmäßigen Attribute Klimatisierungs-Automatik, Lederpolster und Metallic-Lackierung hinzu, bleibt der Audi 200 mit einem Preis von 82.412 DM immer noch 14.000 DM unter dem V8.
Nur, welche der beiden Limousine war objektiv das bessere Angebot? In der Ausgabe 13/1989 ist auto motor und sport dieser Frage auf den Grund gegangen – schauen wir mal, zu welchem Ergebnis sie gekommen sind.

Wenn es um die Maße der Karosserie und des Innenraums geht, führt der Vergleich unmittelbar zu einem Gleichstand. Beide verfügen im Grunde über dasselbe Chassis. Auch der optische Vergleich beider Cockpits untermauert die Nähe beider Limousinen.
Ganz anders sieht es beim Antriebsstrang aus, wo die Unterschiede mitnichten nur die Zahl der Zylinder betreffen: Der große V8 ist nur mit Automatik lieferbar, der R5-Turbomotor nur mit Schaltgetriebe. Hier wird also sehr konkret vorsortiert, wer komfortabel und wer sportlich erscheinen soll. Die Messwerte von auto motor und sport untermauern das eindrucksvoll: „Der Fünfzylinder gewinnt das Duell auf der Strecke mit erheblichem Vorsprung. Er beendet den kurzen Sprint von null auf 100 km/h in 7,9 Sekunden, eine Übung, zu der sich der Achtzylinder fast zwei Sekunden mehr Zeit lässt“ (auto motor und sport 13/1989, Seite 90).
Eindrucksvoll, finde ich!

Durchaus erwartbar sind die Unterschiede in der Antriebskultur der beiden Motoren: „Der Achtzylinder ist ein sanfter und kultivierter Komfortmotor, der zusammen mit einer optimal angepassten und bei richtiger Programmwahl absolut ruckfreien Automatik das dynamische Gleiten über lange Distanzen in Perfektion beherrscht. Der Fünfzylinder mit den vier Ventilen pro Brennraum kann seine Abstammung vom Triebwerk des weltmeisterlichen Sport-Quattro nicht verleugnen. Auch abgasentgiftet und mehr auf Durchzugskraft abgestimmt, ist er der sportliche Partner mit dem vehementen Antrieb geblieben“ (Seite 90).

(Bildquelle: auto motor und sport 13/1989, Seite 92)
Man merkt dem Redakteur Clauspeter Becker der auto motor und sport seine damalige Begeisterung regelrecht an: „Dieser Audi-Fünfzylinder ist der laufende Beweis dafür, dass sich Hubraum durch Ladedruck ersetzen lässt. Der neue Audi-Achtzylinder hat hier jedenfalls seinen stärksten Konkurrenten gefunden.“
Sein Fazit auf Seite 92:
Der Audi V8 überzeugt als Luxusauto zwar durch Fahrkultur, erstklassige Ausstattung und die Eigenschaften des Allradantriebs, er bleibt leistungsmäßig aber doch hinter seinem temperamentvolleren Konkurrenten zurück. Der Audi 200 quattro 20V erfüllt die Leistungsansprüche, die in seiner Klasse gestellt werden, sehr souverän. Er ist ein exzellentes Beispiel einer sportlichen Reiselimousine und entspricht mit diesem Charakter eher den Wünschen einer Kundschaft, die mit einem starken allradgetriebenen Auto auch im alpinen Winter mobil bleiben will. So gesehen ist bei Audi die Fünf weit mehr als die Acht!
So gesehen stellt sich der Audi 200 quattro 20V aus heutiger Sicht als reizvoller Youngtimer dar. Er ist in vielfacher Hinsicht ein besonderer Oldtimer. Infolge der geringen Produktionszahlen ist das Angebot allerdings mehr als übersichtlich. Wir sprechen in ganz Deutschland über eine einstellige Anzahl an originalbelassenen Fahrzeugen, die überhaupt auf den gängigen Portalen inseriert sind. Mit seinen Preisen stellt es sich deshalb anders dar als damals: Der Audi 200 quattro 20V ist teurer als ein vergleichbarer Audi V8 3.6.

So sind für einen originalbelassenen 200 quattro 20V aus privater Hand bereits deutlich über 20.000 Euro fällig. Bei Händlern liegen die Preise schnell über 30.000 Euro, gelegentlich auch über 40.000 Euro, wie der aktuelle Marktspiegel zeigt.

Ein Audi 200 quattro 20V ist als Youngtimer als kein günstiges Vergnügen – aber ein seltenes, und eines, das im richtigen Zustand auch heute noch viel Fahrfreude vermittelt!
Wie seht Ihr den Audi 200 quattro 20V heute? Seit Ihr ihn schon gefahren? Ich freue mich auf Eure Kommentare unter dem Beitrag!


