
Die Titelstory der aktuellen Ausgabe der Motor Klassik fand ich auf Anhieb faszinierend: Der Jaguar Daimler Double Six von 1995 im Vergleich mit dem gleichsten, damals jedoch mehr als doppelt so teuren Rolls-Royce Flying Spur. Preislich liegen die beiden heute in einer ähnlichen Größenordnung; für 25 bis 30.000 Euro bekommt man gute Exemplare. Während ich den Beitrag lese (Kompliment, Martin Puthz, großartig geschrieben), beschleicht mich der Eindruck, dass die heutigen Youngtimer von Bentley und Rolls-Royce eine besonders attraktive Gelegenheit darstellen könnten – nicht nur, weil manche von ihnen für vergleichsweise überschaubares Geld zu haben sind, sondern auch, weil sie aus einer einmaligen Ära stammen. Die heutigen Youngtimer von Bentley und Rolls-Royce aus der Epoche, als sich die Wege dieser beiden Marken nach nahezu 100 Jahren in einer Familie trennten.

Kaum ein Zeitraum ist für Bentley und Rolls-Royce spannender als die Jahre zwischen 1995 und 2010. Denn genau in dieser Epoche trennten sich die Wege der beiden traditionsreichen britischen Luxusmarken. Nach fast einhundert Jahren gemeinsamer Geschichte sorgte der Verkauf des damaligen Mutterkonzerns Vickers im Jahr 1998 für eine der spektakulärsten Übernahmen der Automobilgeschichte. Volkswagen erhielt Bentley und das Werk in Crewe, während BMW die Rechte an der Marke Rolls-Royce übernahm und ab 2003 in Goodwood eine völlig neue Modellgeneration aufbaute. Aus einstigen Schwestermarken wurden innerhalb weniger Jahre zwei eigenständige Hersteller mit völlig unterschiedlichen Philosophien.
Gibt es aus dieser Zeit heute noch attraktive Fahrzeuge zu vernünftigen Preisen zu kaufen?

Wer heute an einen Youngtimer von Bentley oder Rolls-Royce denkt, hat deshalb meist zwei völlig unterschiedliche Epochen vor Augen. Die zweite Hälfte der 90er Jahre war noch geprägt von handgefertigten Luxuslimousinen mit einem großem, ehrwürdigem 6,75 Liter-V8, echtem Walnussholz und einer Aura, die eher an einen englischen Herrenclub als an ein High Tech-Automobil erinnerte. Nur wenige Jahre später hielt modernste Technik Einzug, die Stückzahlen stiegen und beide Marken erfanden sich auf ganz eigene Weise neu.
Welche Modelle waren bei Bentley zwischen 1995 und 2010 im Angebot?
Mitte der 90er Jahre war Bentley eine Marke für Kenner. Der mächtige Turbo R (1985–1997) bildete das Rückgrat des Programms und verband britischen Luxus mit imposanten Fahrleistungen. Daneben standen das elegante Coupé Continental R (1991–2003), der noch sportlichere Continental T (1996–2003), das imposante Cabriolet Azure der ersten Generation (1995–2003) sowie die klassische Limousine Brooklands (1992–1998).
Der Turbo R erreichte ungewöhnlich hohe Verkaufszahlen und wurde zum Bestseller in der Firmengeschichte des englischen Traditionshauses. Insgesamt wurden ca. 6.000 Fahrzeuge hergestellt. Das Modell wurde erst nach 12 Jahren Bauzeit durch den Bentley Turbo RT abgelöst

Mit dem Arnage (1998–2009) begann eine neue Epoche, und gleichzeitig endete eine alte. Der Arnage war das letzte Bentley-Modell mit dem legendären 6,75-Liter-V8 in seiner klassischen Form – ein Triebwerk, dessen Wurzeln bis ins Jahr 1959 zurückreichen! Kaum ein anderer Motor steht so sehr für die Geschichte der Marke.
Im Arnage verbindet er Gelassenheit mit beeindruckendem Drehmoment und macht die große Limousine zu einem der letzten Vertreter der alten Crewe-Schule. Der Bentley Arnage verkörpert klassische britische Ingenieurskunst mit seinem legendären 6,75-Liter-V8, der je nach Modellversion bis zu 507 PS und gewaltige 1.000 Nm Drehmoment entwickelt – Werte, die selbst heute noch beeindrucken. Trotz eines Leergewichts von rund 2,6 Tonnen beschleunigt der Arnage T in nur 5,5 Sekunden auf 100 km/h. Für viele Liebhaber ist der Arnage der authentischste Bentley-Youngtimer.

Den eigentlichen Neuanfang unter der Regie von Volkswagen markierte jedoch der Continental GT (ab 2003). Mit Allradantrieb, W12-Motor und moderner Technik öffnete er Bentley eine neue Käuferschicht und führte die Marke in das 21. Jahrhundert. Ihm folgten die elegante Limousine Continental Flying Spur (2005–2013), das Cabriolet Continental GTC (2006–2011), der besonders leistungsstarke Continental GT Speed (ab 2007) sowie das exklusive Brooklands Coupé (2008–2011). Innerhalb weniger Jahre wandelte sich Bentley von einer traditionsreichen Nischenmarke zu einem weltweit erfolgreichen Hersteller luxuriöser Hochleistungsfahrzeuge.

Welche Modelle waren bei Rolls-Royce zwischen 1995 und 2010 im Angebot?
Rolls-Royce blieb in den 90er Jahren zunächst der Inbegriff britischer Tradition. Die große Limousine Silver Spirit (1980–1998) und ihre Langversion Silver Spur (1980–2000) prägten bis zur Jahrtausendwende das Straßenbild wohlhabender Unternehmer, Botschaften und Staatsgäste. Ergänzt wurden sie durch die sportlichere Ausführung mit Turboaufladung unter dem Namen Flying Spur (1994–2000), den Silver Dawn (1995–2002) sowie das traditionsreiche Cabriolet Corniche IV (1993-1995), das ab 2000 noch einmal als Corniche (2000–2002) eine kurze Zugabe erhielt.

Der Rolls-Royce Flying Spur unterscheidet sich vom Silver Spur durch seine exklusivere Ausrichtung: Er wurde von der Mulliner Park Ward Division in deutlich geringeren Stückzahlen gefertigt und erhielt zahlreiche individuelle Ausstattungsdetails sowie eine besonders hochwertige Innenausstattung. Technisch basierte er zwar auf dem Silver Spur, richtete sich jedoch an Kunden, die ein noch exklusiveres und stärker personalisiertes Fahrzeug wünschten – entsprechend selten und begehrt ist der Flying Spur heute.
💡 Wer sich mit den unzähligen Details dieser vielen Varianten vertraut machen möchte, findet hier eine aufschlussreiche, empfehlenswerte Webseite: rrsilverspirit.com.
1998 erschien mit dem Silver Seraph (1998–2002) die letzte in Crewe entwickelte Rolls-Royce-Limousine. Er war sozusagen das Schwestermodell des Bentley Arnage. Jedoch begann mit dem Silver Seraph für Rolls-Royce auch eine neue Ära: Anders als beim Arnage arbeitet unter seiner langen Motorhaube erstmals der von BMW übernommene 5,4-Liter-V12 mit 326 PS und 490 Nm Drehmoment, der für eine außergewöhnlich kultivierte Leistungsentfaltung sorgt. Trotz seiner rund 2,3 Tonnen schweren Karosserie beschleunigt der Silver Seraph in etwa 7,5 Sekunden auf 100 km/h und verbindet souveräne Fahrleistungen mit einem nahezu lautlosen Rolls-Royce-Fahrerlebnis. Hier gibt es einen Internetlink zum damaligen Original-Prospekt des Rolls-Royce Silver Seraph.

Mit dem Umzug nach Goodwood begann 2003 schließlich das völlig neue Kapitel unter Regie von BMW. Der Phantom VII (ab 2003) interpretierte die klassischen Rolls-Royce-Tugenden neu und setzte mit seiner Präsenz, seiner Verarbeitung und seinem Auftritt neue Maßstäbe im Luxussegment. Die verlängerte Version Phantom Extended Wheelbase (ab 2005), das elegante Phantom Drophead Coupé (ab 2007) und das Phantom Coupé (ab 2008) rundeten die Baureihe ab. Während Bentley den sportlichen Weg einschlug, blieb Rolls-Royce seiner Rolle als Inbegriff automobiler Souveränität treu.

Was kosten gute Bentley und Rolls-Royce aus dieser Epoche heute als Youngtimer? 💰
Die gute Nachricht für Youngtimer-Fans: Der Einstieg in die Welt britischer Luxusautomobile ist heute oft günstiger als viele vermuten. Gleichzeitig gilt kaum ein Markt als so zustandsabhängig wie der für Bentley und Rolls-Royce. Ein vermeintliches Schnäppchen kann schnell zum kostspieligen Restaurierungsobjekt werden, während gepflegte Fahrzeuge mit lückenloser Historie inzwischen spürbar an Wert gewinnen.
Den günstigsten Einstieg bieten meist ein Bentley Turbo R oder ein Rolls-Royce Silver Spirit oder, leicht darüber, der Rolls-Royce Silver Spur. Solide Exemplare liegen heute bei etwa 20.000 bis 30.000 Euro, besonders gepflegte Fahrzeuge mit durchgängig nachvollziehbarer Historie liegen häufig zwischen 30.000 und 50.000 Euro.

Ein Bentley Arnage gilt noch immer als Geheimtipp. Frühe Fahrzeuge sind bereits ab rund 25.000 Euro zu finden, gute Exemplare bewegen sich meist zwischen 35.000 und 50.000 Euro. Besonders begehrt sind die späteren Arnage R und Arnage T, für die je nach Zustand und Laufleistung häufig 60.000 bis über 100.000 Euro bezahlt werden.

Mit dem Bentley Continental GT begann zwar eine neue Ära, gleichzeitig wurde er in vergleichsweise hohen Stückzahlen gebaut. Entsprechend startet der Markt derzeit bei rund 25.000 bis 35.000 Euro. Sehr gepflegte Fahrzeuge oder seltene Varianten wie der GT Speed oder besonders gut ausgestattete Flying Spur-Modelle erreichen jedoch 50.000 bis 80.000 Euro und darüber.

Etwas exklusiver präsentiert sich der Markt für modernere Rolls-Royce. Ein Silver Seraph wird heute meist zwischen 35.000 und 70.000 Euro gehandelt, er gilt aufgrund seiner geringen Produktionszahl als interessantes Sammlerfahrzeug.

Der ab 2003 gebaute Phantom VII markiert dagegen den Einstieg in die moderne Rolls-Royce-Welt. Die günstigsten Fahrzeuge beginnen inzwischen bei etwa 70.000 Euro, während besonders gepflegte Exemplare, Coupés oder Cabriolets schnell 150.000 bis weit über 250.000 Euro kosten können.
Insgesamt zeigt sich: Viele britische Luxus-Youngtimer haben ihren Tiefpunkt bereits durchschritten. Besonders originale Fahrzeuge mit vollständiger Wartungshistorie, geringer Laufleistung und attraktiver Farbkombination gelten heute als die begehrtesten Exemplare – und dürften auch künftig das größte Wertsteigerungspotenzial besitzen.

Bieten Youngtimer von Bentley und Rolls Royce Luxus zum Schnäppchenpreis? Nicht beim Unterhalt… 💸
So verlockend die heutigen Kaufpreise eines Bentley Arnage oder eines Rolls-Royce Silver Spirit auch erscheinen – der Unterhalt spielt noch immer in der Liga eines ehemaligen Neuwagens für mehrere hunderttausend Euro. Ersatzteile, Werkstattstunden und selbst Verschleißteile orientieren sich nicht am heutigen Marktwert, sondern am ursprünglichen Anspruch dieser Fahrzeuge. Wer einen britischen Luxus-Youngtimer kaufen möchte, sollte deshalb nicht nur den Kaufpreis im Blick haben, sondern auch ausreichend finanzielle Reserven für Wartung und Reparaturen einplanen.
Schon die regelmäßige Inspektion schlägt je nach Modell und Umfang mit 800 bis 2.000 Euro zu Buche. Größere Wartungen mit Zündanlage, Flüssigkeiten und Filtern können schnell 3.000 Euro oder mehr kosten. Hinzu kommen Verschleißteile, die in einer höheren Preisregion liegen als bei einem gewöhnlichen Youngtimer.
Ein gutes Beispiel ist der Bentley Arnage. Sein legendärer 6,75-Liter-V8 gilt zwar als ausgesprochen robust, verlangt aber nach sorgfältiger Wartung. Müssen beispielsweise Turbolader, Kühlsystem oder die hydraulische Niveauregulierung instand gesetzt werden, sind Rechnungen im mittleren vierstelligen Bereich keine Seltenheit. Eine Überholung der Bremsanlage kann – je nach Umfang – ebenfalls mehrere tausend Euro kosten.
Beim Bentley Continental GT sind es vor allem die komplexe Elektronik, die Luftfederung und der aufwendig konstruierte W12-Motor, die im Alter kostspielig werden können. Der Austausch eines Luftfederbeins kostet häufig 1.500 bis 2.500 Euro pro Seite. Muss die Luftfederung umfassend instand gesetzt werden, können schnell 5.000 Euro oder mehr zusammenkommen. Auch Reparaturen an der aktiven Fahrwerkstechnik oder am Allradantrieb gehen nicht selten in den vierstelligen Bereich.
Beim Rolls-Royce Phantom VII ist die Technik zwar langlebig, doch Größe und Exklusivität haben ihren Preis. Allein ein Satz hochwertiger Reifen schlägt mit 2.000 bis 3.000 Euro zu Buche. Die jährliche Wartung liegt häufig zwischen 2.000 und 4.000 Euro, größere Reparaturen können schnell fünfstellige Beträge erreichen. Dafür gelten der BMW-V12 und das Antriebskonzept insgesamt als sehr zuverlässig, sofern die Wartung konsequent eingehalten wurde.
Wer jährlich etwa 5.000 Kilometer fährt und keine größeren Defekte erlebt, sollte je nach Modell mit 3.000 bis 6.000 Euro laufenden Unterhaltskosten pro Jahr rechnen – inklusive Wartung, Versicherung, Kfz-Steuer und kleinerer Reparaturen. Treten allerdings größere technische Defekte auf, können einzelne Werkstattbesuche den Gegenwert eines Kleinwagens erreichen.
Die wichtigste Regel lautet deshalb: Nicht das günstigste Auto kaufen, sondern das beste. Ein lückenlos gewartetes Fahrzeug mit vollständiger Historie ist fast immer die günstigere Wahl als ein vermeintliches Schnäppchen mit Wartungsstau. Gerade bei Bentley und Rolls-Royce entscheidet der Pflegezustand weit mehr über die tatsächlichen Kosten als der Kaufpreis.
Ich habe versucht, realistische Durchschnittswerte zu wählen. Es gibt natürlich Besitzer, die ihren Arnage seit Jahren für deutlich weniger bewegen, weil sie vieles selbst erledigen oder einen unabhängigen Spezialisten haben. Ebenso gibt es Rechnungen über 15.000 oder 20.000 Euro, wenn beispielsweise beim Continental GT Luftfederung, Bremse und Kühlkreislauf gleichzeitig fällig werden.
Mein Fazit 🔖
Die Idee, heute einen Youngtimer von Bentley oder Rolls-Royce für vergleichsweise überschaubares Geld zu kaufen, finde ich sehr reizvoll. Es sind eben doch besondere Fahrzeuge; Motor Klassik-Redakteur Martin Puthz formuliert es im Fazit des elngangs erwähnten Vergleichs sehr verlockend: „Dass Manufakturqualität gehobenen Industriestandard übertreffen würde, war zu erwarten. Aber auch und vor allem im Fahrcharakter umgibt den Rolls-Royce die Aura des erhabenen Solitärs, der in der restlichen Welt des Automobils nichts vergleichbares kennt.“
Mein persönlicher Favorit wäre der Bentley Arnage. Die Idee, einen Bentley-Youngtimer mit 6,75 Liter-V8 neben den Super V8 in die Garage zu stellen, hat ihren Reiz. Ich würde aus wirtschaftlicher Sicht auch sehr davon ausgehen, dass sich sein Gegenwert von rund 30.000 Euro stabil erhält. Ein klassischer Rolls-Royce á la Silver Spur gefällt mir zwar auch ausgesprochen gut, er wäre mir jedoch vermutlich zu auffällig. Ob ich aber meinen Mercedes R129 gegen den Arnage tauschen würde, weiß ich noch nicht…
Welche Erfahrungen habt Ihr mit Youngtimern von Bentley oder Rolls-Royce gemacht? Wie sehr würde Euch ein solches Modell reizen? Ich freue mich wie immer über Feedbacks in den Kommentaren unter dem Beitrag!
PS: Wie der Zufall es so will, sendet mir just während ich diesen Beitrag schreibe ein guter Freund aus Süddeutschland per WhatsApp dieses YouTube-Video zu einem Bentley Arnage 😳 Ist das Zufall oder Bestimmung? 😉


